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TEL AVIV

Artikel von Francesco Quarta / September 2009

In der Nahosthomosexuellenblase wurden am Abend des 2. August eine junge Frau und ein junger Mann im "Café Noir", einem berühmten Homosexuellenzentrum der lebendigen Szene Tel Avivs, ermordet. 11 andere Leute wurden verletzt - drei davon schwer. Der noch unbekannte Gewalttäter drang ins Lokal mitten in der inneren Stadt ein und führte eine Schießerei mit einer Schnellfeuerwaffe an.

Gerade nach dem schrecklichen Ereignis stand die Stadt unter Schock; kaum jemand hätte sich nämlich vorstellen können, das so eine blutige Tat in einer Stadt, wo Homosexuelle rechtlichen Schutz genießen, und als eine der tolerantesten und liberalsten Städte der Welt betrachtet wird, passieren konnte. Tel Aviv gilt als Rettungsinsel für viele Menschen der naheliegenden Länder, die, unabhängig von der Rasse, Religion und sozialer Herkunft sich in Tel Aviv sammeln, um den Gesetzen bzw. einer Verfolgung wegen ihrer sexuellen Orientierung in ihrer Heimat zu entgehen.

Nach Angaben der israelischen Sicherheitskräfte, hatte der in schwarz gekleidete Attentäter sich zu einer anderen Schwulenbar begeben, um noch weitere Menschen umzubringen. Die Türsteher konnten ihm jedoch den Eintritt verhindern. Nach dem Amoklauf und dem unerfolgreichen zweiten Angriff konnte der Mann unerkannt fliehen.

Das gemeinsame Wissen der israelischen Bevölkerung wird nach wie vor von den Angriffen der Palästinenser heftig geprägt, unter anderem von den Schießereien der 3 Intifaden, die ähnlich passierten wie der Anschlag im Schwulenzentrum Tel Avivs am 2. August. In diesem Fall ist das Blutbad jedoch nicht in Verbindung mit dem langjährigen Konflikt zwischen Israel und Palästina zu verstehen, es geht hier wahrscheinlicher nur um Schwulenfeindlichkeit, "eine Tat voller Hass, ein geplantes Verbrechen", wie der Augenzeuge Janiy Weisman dem Israelischen Sender Kanal 10 berichtete.

Die Polizei zeigte keine Gleichgültigkeit, und ist nach wie vor auf der Suche nach dem Geheimattentäter. Die Mitglieder der Homosexuellen-Vereinigung, die an diesem Abend Opfer wurden, sind nicht besonders überrascht, da der ständige Antrieb zum Hass gegen Schwule, der im Land immer noch zu spüren ist, früher oder später so ein Verbrechen verursacht hätte. Ein eindeutiges Zeichen davon war z.B. der Eingang des Zentrum, der in der Vergangenheit schon mit Hakenkreuzen beschmiert wurde.

"Wir stehen alle unter Schock" war der Kommentar des öffentlichen geouteten Abgeordneten Nitzan Horowitz, im Bezug auf den schwersten Anschlag auf die Schwulenszene Israels.

Am 5. August, 3 Tage später, hatte auch die Stadt Wien ihre Solidarität mit den Opfern und den jeweiligen Angehörigen gezeigt; die Tel Aviv Beach Bar war der perfekte Rahmen für eine Veranstaltung, in der verschiedene prominente Persönlichkeiten ihre Meinung über das schreckliche Ereignis ausgedrückt haben. Die Vorträge wurden von Guy Feldman, Stv. Botschafter Israels in Österreich, Marco Schreuder, Landtagsabgeordneter und Sprecher der Grünen Andersrum Wien, Simone Dinah Hartmann, freie Autorin und Aktivistin, Dominik Mungenast, SoHo (Sozialdemokratie & Homosexualität, Dr. Michaela Tulipan, Rechtskomitee Lambda, Maria Vassilakou, Stv. Bundessprecherin der Grünen, Peter Florianschütz, Gemeinderat der SPÖ Wien und von Mag. Raimund Fastenbauer, Generalsekretär der Israelitischen Kultusgemeinde Wien gehaltet. Einen Beitrag dazu leisteten auch die Grußworte von Ron Huldai, Bürgermeister von Tel Aviv und Yaniv Weizman, Tel Aviver Stadtrat und Leiter der israelischen LGBT Jugendorganisation.

Zur positiven Nachricht kam auch die Empörung des Bürgermeisters Ron Chuldai und des Ministerpräsidents Benjamin Netanjahu, aber vor allem auch die Solidarität der ganzen Stadt und die etwas merkwürdigere Empörung der sefardisch-orthodoxe Schas-Partei, die jedoch, laut den Worte vom jeweiligen Abgeordnete Nissim Seew, das Schwulsein immer wieder als "inakzeptablen Lebensstil" betrachtet.

Ähnliche Aussagen sind in der Vergangenheit nicht selten vorgekommen; Seew sagte beispielweise im Januar 2008, dass die Homosexuellen "eine Epidemie" seinen, dass sie "die israelische Gesellschaft verseuchen, und die Zerstörung des jüdischen Gesellschaft vorantreiben". Sein Partnerfreund Schlomo Benisri sagte auch nach einem schwachen auswirkungslosen Erdbeben in Jerusalem dazu, dass man sich in Zukunft viele Erdbeben ersparen könne, wenn die Knesset (israelisches Parlament) eine Möglichkeit fände, Geschlechtsverkehr unter Männern zu verbieten. Sein Bruder, der Rabbiner David Benisri, betrachtete, dass "eine Menge Schwule unter den Richtern, bei der Polizei, in der Knesset und in der Staatsanwaltschaft" zu finden seien. Amin Rider von Agudah, erinnert sich auch, dass "vor drei Jahren ein Ultra-Orthodoxer bei der Gay-Parade in Jerusalem auf einige von uns eingestochen hatte, und kein einziger von deren Rabbinern etwas dazu gesagt hatte"

Trotz aller unglücklichen und (wissenschaftlich) unbegründeten Aussagen der ultra-orthodoxen Parteien, die in der Knesset vertreten sind, bezeugt die liberale Tel Aviv täglich händchenhaltende gleichgeschlechtliche Paaren die durch die Stadt gehen, was in anderen westlichen Städten noch immer kaum zu sehen ist. Auch die in vielen Ländern umstrittenene Gay Pride ist hier ein beliebtes und erwartetes Ereignis für die ganze Gemeinde.

Diese günstige Lage erklärt sich durch die Bevölkerung und das jeweiligen Kollektivbewusstsein. In Israel ist die Familie eine Hauptsäule der Gesellschaft, daher akzeptieren die Eltern ihre Kinder wie sie sind; besser und reibungsloser als bei den Familien der naheliegenden Länder, deren "Schutz der Familienehre" obersten Vorrang genießt. Israel ist ein westlich orientiertes Land, und unter anderem auch ein kleines Land, das für ein starkes soziales Netz sorgt, das Anonymität nicht ermöglicht. Außerdem hat das jüdische Volk vielmals in seiner Geschichte die Verfolgung hautnah erlebt, was auch zu einem Vorteil wird, wenn es darum geht, andere Leute trotz ihrer Identität und ihren Unterschieden zu akzeptieren.

Aus diesen Gründen werden die Rechte von Homosexuellen gesetzlich geschützt. Eine außerhalb Israels geschlossene homosexuelle Ehe wird vom Staat anerkannt, Paare gleichen Geschlechts dürfen Kinder adoptieren; ihnen gebühren die gleichen Adoptionsrechte wie Paaren beiderlei Geschlechts. Schwule und Lesben dienen in der Armee, Geschlechtsumwandlungen sind erlaubt und werden durchgeführt, außerdem wird die LGBT-Gemeinde von weiten Bevölkerungsteilen akzeptiert. Lesben und Schwule sind in der Politik, im Wirtschaftsleben, im Rechtswesen, in den Streitkräften und in der Kulturszene vertreten und in der Tat kann man in Tel Aviv eine der lebendigsten schwul-lesbischen Szenen der Welt antreffen. Um den Aussagen der ultra-orthodoxen Parteien entgegenzuwirken, wurde eine Stiftung religiöser Homosexuellen gegründet, deren Hauptvertreter ein schwuler Rabbiner ist, der einzige, der seine sexuelle Neigung offiziell bekannt gegeben hat.

1975 wurde auch die erste israelische Organisation für Schwule und Lesben, die Gesellschaft für den Schutz persönlicher Rechte (SPPR), gegründet. Heute ist diese Organisation (Aguda), als der Verband israelischer Schwulen, Lesben, Bisexueller und Transgender (GLBT) bekannt. Die Aguda betreibt ein Café für HIV-Positive und deren Freunde, leitet Jugendgruppen, leistet kostenlose psychologische Beratung, gesundheitliche Aufklärung und organisiert seit 1998 die Parade zum Christopher-Street-Day in Israel.
Ganz anders ist die Lage in den anderen Ländern der Region, wie etwa in Libanon, in Lybien, Syrien, Iran und Saudi-Arabien.

In Iran werden homosexuelle Männer und lesbische Frauen zum Tode verurteilt und in öffentlichen Exekutionen gehängt. In Saudi-Arabien reicht das Strafmaß von Freiheitsentzug über Auspeitschen bis zum Tode. In Syrien kommen Schwule und Lesben mit dreijährigen Freiheitsstrafen davon. Obwohl Homosexualität im technischen Sinne in Jordanien und in den palästinensischen Autonomiegebieten gesetzlich nicht verboten ist, sind Schwule und Lesben dort nicht gesetzlich geschützt und können Opfer von Übergriffen werden. Schwule und Lesben in Jordanien suchen häufig Asyl im Ausland oder werden von den eigenen Familienmitgliedern im Rahmen des so genannten "Schutzes der Familienehre" verfolgt, was nichts anderes bedeutet als der Mord durch eigene Familienmitglieder. Typischerweise an weiblichen Personen, die angeblich den guten Ruf der Familie geschändet haben. Frauen können Opfer dieser "Ehrenmorde" werden, wenn sie ohne das Einverständnis der Familie heiraten, der westlichen Kultur "verfallen", Ehebruch begehen, sich weigern, einer von der Familie geschlossenen Zwangsehe zuzustimmen oder auch wenn sie vergewaltigt wurden.

Homosexuelle Palästinenser flüchten oft nach Israel, weil sie im Westjordanland und im Gaza-Streifen von den palästinensischen Behörden oder von der Hamas verfolgt werden. Die palästinensische Autonomiebehörde sieht in Homosexuellen israelische Kollaborateure. Es gibt einige Fälle, bei denen Israelis Palästinensern, die wegen ihrer Homosexualität verfolgten wurden, das Leben gerettet haben.

Tel Aviv scheint also der einzige sichere Ort für Schwule und Lesben zu sein, ein winziger Ort im Vergleich zum enormen schwulenfeindlichen Gebiet, das die Stadt umgibt. "Eine Blase. Tel Aviv ist eine Blase hier in Israel" so sagt Ari, ein 24-jähriger Student. Und nicht nur in Israel sonder im ganzen Nahen Osten. In Tel Aviv schaut man trotzt der Todesfälle nach vorne, Schwule und Lesben sind in dieser Stadt nach wie vor immer willkommen. Man weiß zwar was mit Blasen immer passiert, aber bevor sie platzen, wird hier gefeiert.

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