| Über uns |
| Mitmachen |
| Aktuelles |
| Archiv |
| Spenden |
| Kontakt |
| Links |
Standing up for our rights - Lesbischer Aktivismus in Serbien
Im Rahmen der 16 Tage gegen Gewalt an Frauen veranstalteten die Frauensolidarität, die ÖH (Referat für Menschenrechte und Gesellschaftspolitik, HomoBiTrans Referat und Frauenreferat der Angewandten) und das LGBT-Netzwerk von Amnesty International im Dezember 2005 einen Vortragsabend zum Thema "Lesbischer Aktivismus im Kampf gegen Homophobie". In ihrem Beitrag diskutierte die Gastrednerin Jelena Djordjevic1, Aktivistin und Mitbegründerin des serbischen "Anti Trafficking Centers", nicht nur die derzeitige gesellschaftspolitische Situation in Serbien, sondern auch die Frage nach den Schwierigkeiten, Möglichkeiten und Potenzialen von lesbischem Aktivismus. Im Folgenden ihr Vortrag, zusammengefasst und bearbeitet von Barbara Berghold.
Nach dem Fall des nationalistischen Regimes Slobodan Milosevic entstand in Serbien die Hoffnung auf eine gesellschaftspolitische Veränderung im Sinne pro-demokratischer Kräfte, die v.a. für diskriminierte und marginalisierte Gruppen mehr Freiheit und Sicherheit bringen würde.
Gewaltvolle Übergriffe bei Belgrad Pride 2001
Vor diesem Hintergrund entwickelte sich die Idee, im Jahr 2001 die erste
Regenbogenparade in Belgrad zu organisieren, um öffentlich und friedlich
die Rechte von LGBT-Personen2 in Serbien einzufordern. Die gewaltvollen
Ausschreitungen am Tag der Parade zeigten jedoch, wie gefährlich es
nach wie vor ist, sich öffentlich für die Rechte marginalisierter
und diskriminierter Menschen in der Gesellschaft einzusetzen. Noch bevor
die ohnehin kleine Gruppe von DemonstrantInnen losziehen konnte, kam es
zu ersten gewaltvollen Übergriffen durch TeilnehmerInnen einer organisierten
"Gegendemonstration". Mit Parolen wie "kill the faggot!"
attackierten serbisch-nationalistische Hooligans die durch die Polizei nur
unzureichend geschützten LGBT-Personen und deren UnterstützerInnen.
Auf Amateurvideoaufnahmen wurden nicht nur Szenen offener homophober Gewalt,
sondern auch die sichtliche Überforderung der PolizistInnen festgehalten.
Die Belgrad Pride 2001 ist ein Beispiel dafür, wie im damaligen und
- wie Jelena Djordjevic betont - auch im heutigen gesellschaftspolitischen
Klima in Serbien nicht nur die Rechte von LGBT-Personen, sondern aller Menschen,
die in irgendeiner Form als "anders" definiert werden, ignoriert
wurden und werden. Jede und jeder, die oder der nicht dem Klischeebild des/der
"anständigen serbischen Frau/Mannes" entspricht, wird als
"other" und "different" stigmatisiert und gehört
somit zu einer gesellschaftlichen Randgruppe.
Kreative Formen des Widerstandes
Die Ereignisse von 2001 erzeugten große Angst unter AktivistInnen
und mach(t)en neue Strategien nötig, um trotz der drohenden Gefahr
"sichtbar" zu sein. Eine bunte und spaßbetonte Regenbogenparade
ist auch heute noch undenkbar. Um in der öffentlichen Wahrnehmung trotzdem
präsent zu sein, entwarf die "Queer Belgrad Group" (www.queeruption.org/queerbeograd/intro.html)
2005 ein großes Transparent mit den Worten "Lesbian Rights are
Human Rights", welches die AktivistInnen um fünf Uhr morgens gut
sichtbar auf ein öffentliches Gebäude im Stadtzentrum befestigten.
Durch diese und andere verschiedenste Initiativen wird deutlich, dass die
Angst die Arbeit gegen Diskriminierung nicht ausschließlich behindert,
sondern auch als "mobilizing factor" progressive Kräfte und
kreative Formen des Widerstandes bewirkt.
Auch nach 15 Jahren Aktivismus für die Rechte von LGBT-Personen und
für politische Veränderungen hin zu einer demokratischen Regierung
gibt es breiten Widerstand auf staatlicher, institutioneller und individueller
Ebene. Diesen kennt Jelena Djordjevic als Aktivistin, die sich auch für
die Rechte von Sexarbeiterinnen und gegen Frauenhandel einsetzt, aus persönlicher
Erfahrung. Ihre Arbeit wird akzeptiert und toleriert, jedoch nur solange
sie sich nicht offen als lesbisch deklariert. Auch innerhalb so genannter
geschützter Räume wie der feministischen Frauenbewegung oder im
Menschenrechtsdiskurs ist "lesbisch sein" nach wie vor ein heikles
Thema und nicht Teil der Auseinandersetzung. Djordjevic hält es jedoch
für wesentlich, Diskriminierungen von LGBT-Personen nicht als separates
Problem zu betrachten, sondern als Teilaspekt eines gesellschaftlichen Diskurses,
um die Anerkennung gleicher Rechte aller Menschen zu erreichen.
Vernetzung zwischen israelischen und palästinensischen
Aktivistinnen
2005 fand im besetzten Gebiet in Palästina eine Konferenz von "Women
in Black" statt, einer internationalen Organisation, die u.a. gegen
Gewalt an Frauen arbeitet (www.womeninblack.net). Bei dieser Konferenz,
die alle drei Jahre organisiert wird, trafen sich an die 800 Frauen, um
sich zu vernetzen, zukünftige Strategien zu besprechen und gegenwärtige
Situationen und Schwierigkeiten zu analysieren. Von 100 Workshops, die im
Rahmen der Konferenz angeboten wurden, gab es nur einen einzigen, der sich
spezifisch mit den Lebenssituationen von Lesben auseinandersetzen sollte.
Am Tag ihrer Ankunft erfuhr Jelena Djordjevic, die selbst einen anderen
Workshop leitete, dass genau dieser Workshop kurzfristig vom Programm gestrichen
wurde. Der Grund dafür war, dass die Organisatorinnen der Konferenz
- israelische und palästinensische Aktivistinnen - Angst vor der Reaktion
von Seiten der Gesellschaft hatten. Allein durch eine organisatorische Kooperation
für das "Women in Black Meeting" zwischen israelischen und
palästinensischen Aktivistinnen stellte die Konferenz in vielerlei
Hinsicht ein Überschreiten von alten Grenzen dar. Die Angst vor möglichen
Reaktionen auf einen Workshop, der lesbische Lebensweisen thematisiert,
zeigt jedoch, dass diese Aktivistinnen durch ihre Arbeit zwar offensiv und
mutig "an vorderster Front" stehen, dies jedoch nicht als lesbische
Aktivistinnen tun können.
Lesbians for Free Palestine
Die Absage dieses einen Workshops löste heftige Reaktionen seitens
vieler Teilnehmerinnen aus. Auch wenn die Gründe für die Absage
komplex waren und nicht mit simplen Argumenten zu widerlegen, waren sich
Jelena Djordjevic und andere Teilnehmerinnen einig, dass sie dieses "being
silenced" gerade innerhalb einer Bewegung, die auf Solidarität
und Diversität aufgebaut ist, weder akzeptieren können noch wollen.
Um ihrem Protest Ausdruck zu verleihen, trugen Djordjevic und andere Teilnehmerinnen
T-Shirts mit den Worten "Lesbians for Free Palestine" und thematisierten
die Entscheidung in jedem der Workshops, die sie selbst leiteten. Ein anderes
Zeichen der Solidarität waren Anstecker in Rosa, die von insgesamt
90% aller Konferenzteilnehmerinnen während der gesamten Konferenz getragen
wurden. Diese breite und starke Unterstützung für eine "lesbian
liberation" stellte sich als stärkstes Element der gesamten Konferenz
heraus.
Hierarchisierung von Unterdrückung
Für Jelena Djordjevic war die Konferenz v.a. ein Ausdruck dessen, dass
Aktivismus immer auch damit zu tun hat, Allianzen zu bilden, die aufgrund
ihrer Nähe zu konservativen Regierungen Kompromisse nach sich ziehen,
welche die eigene Arbeit manchmal stärker blockieren als unterstützen.
Als Resümee der Konferenz, aber auch ihrer Erfahrungen nach 15 Jahren
lesbischen Aktivismus in Serbien meint Djordjevic: "After so many years,
we are still at the beginning."
Bedenklich findet Jelena Djordjevic v.a. die durch die Konferenz wieder
sichtbar gewordenen Tendenzen zu einer Hierarchisierung von Unterdrückung
in dem Sinn, dass behauptet wird, manche Formen von Diskriminierung und
Unterdrückung seien wichtiger als andere: "Dismantling the masters
house with the tools of the master will never do it."
Kontinuierlicher Aktivismus sowie Unterstützung und internationale
Solidarität zwischen und innerhalb bestimmter Gruppen, Netzwerke und
einzelner AktivistInnen sind für Djordjevic das, was Veränderung
auf lange Sicht möglich macht. Als Beispiel bringt sie die Initiative
"Today Spain, tomorrow Serbia", die in Kooperation mit spanischen
LGBT-Organisationen und AktivistInnen zum Anlass der "15 Jahre lesbischer
Aktivismus in Serbien" ins Leben gerufen wurde.
Und sie betont abschließend: "We know we cannot be silent, and
we don`t want to be silent."
Anmerkungen:
1 Jelena Djordjevic ist Mitbegründerin des serbischen Anti Trafficking
Center, sie arbeitet zum Thema Menschenhandel in Südosteuropa und ist
im internationalen Women in Black Movement sowie bei V-day (internationale
Organisation, um Gewalt an Frauen zu stoppen, www.vday.org) und dem Netzwerk
Sex Work Project engagiert.
2 LGBT: Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender.
[ zurück ]